Photo by Thomas Kvistholt

Die Wolke kommt.

Über die Jahrzehnte hinweg sind mir bergeweise Trends und technische Revolutionen begegnet, die nicht gefruchtet haben oder nach wenigen Jahren und einem große Hype-Strohfeuer flach hingefallen sind. Ich habe mich mitunter deutlich geirrt was bestimmte Dinge anging – Erfolg und Misserfolge falsch prognostiziert und mich später eines besseren belehren lassen. Einer meiner größten Irrtümer war, dass ich das Web falsch einschätzte und Anfang/Mitte der 90er mich darüber wunderte, was dieses endlos teure always online sein sollte und wie sich überhaupt irgendwer für ein solches Konstrukt interessieren könnte.

Das Fidonet erschien mir eine deutlich bessere Lösung und ich bin auch heute noch der Meinung, dass die Bürgernetzwerke wie Fido- oder Mausnet gegenüber Facebook und Co., E-Mail und Usenet immer noch Vorteile haben – z.B. die Selbstverwaltung und die Unabhängigkeit von Großkonzernen und/oder proprietären Formaten. Fortwährende Hasstiraden oder Cybermobbing im Fidonet? Undenkbar.

Auch wurmt es mich ein wenig, in die gleiche Falle hineingetappt zu sein wie der Microsoft Gründer – Microsoft nicht zu mögen ist eine Art Steckenpferd von Computerexperten und das nicht ohne Grund – Bill Gates sagte ebenfalls, dass das Web nur eine vorrübergehende Erscheinung sei und erweiterte die Reihe an berühmten Irrtümern und Falschprognosen um ein weiteres Kleinod der Geschichte.

Cloud Computing

>>Mein Computerkram und meine Infrastruktur wird komplett als Dienstleistung von außen dazugekauft/gemietet und via Kupferkabel bzw. Funk und/oder Glasfaser an die Haustür bzw. direkt ins Haus geliefert.<<

Das ist im Moment mit das neueste und genialste seit Brot in Scheiben. Mein Ich von ‚´94 würde jetzt denken „Wer will den sowas?“.

Aber wärend diese Art von Computerei alle 5 Jahre immer wieder den Leuten untergeschoben wird und dann nicht halb so hoch fliegt wie angekündigt*  ist es diesmal anders. Software as a Service (SaaS) hat heute den hippen Namen „Cloud Computing“ und die Hardware, die wir benutzen, wird einem hinterhergeworfen. Wir stehen vor der nächsten großen Revolution in der IT.

Wir sind alle schon ständig dauerhaft online mit dem Computer, den die meisten Leute mit weitem Abstand am häufigsten benutzen: Unserem Smartphone bzw. unserem Tabletcomputer. Ihr wisst schon, die Geräte, die durch Touchscreen, Spracheingabe, permanente Internetanbindung, soundsoviel Gigaflops Rechenleistung und einem kompletten Sensorpaket plötzlich von Oma nebenan so souverän bedient werden können wie einst nur wir Experten mit Tastatur und Kommandozeile „Computermagie“ betrieben haben. Der alte Laptop, liebevoll hergerichtet und an die Eltern/Großeltern weitergereicht ruht in der Schublade, aber das neueste Billigtablet ist im Dauereinsatz und die Familien-Support-Hotline ruht seit dem angenehm im dauerhaften Tiefschlaf.

Wer einmal still, heimlich und leise die Bedienmuster der unterschiedlichen Formate bei Computerlaien beobachtet hat, dem tun sich die Augen auf. Groß.

Und dann ist da die Wolke Internet.

Keine Sekunde muss sich Oma Schmitz oder Handwerker Meier Gedanken machen, wie jetzt das Foto von seinem Smartphone auf den Computer kommt. Wie jetzt die Playliste oder die letzte Abrechnung von seinem Computer auf’s Tablet. Sie ist schon da. Backup, Archiv und sogar ein chronologisch konsistenter und reproduzierbarer Gesamtzustand eines Computersystems sind jederzeit und überall verfügbar, ohne das irgendwer sich darum kümmern muss. An diesen fetten fortwährenden Datenstrom hängen wir noch eine (oder 5 oder 20) künstliche Intelligenzien bzw. lernende Automaten, und ich muss noch nicht einmal mehr auf Punktierung und Rechtschreibung oder den Verkehr oder das Wetter achten. Das macht der Computer ab jetzt für mich.

-„Wo steht nochmal mein Auto?“

– „Dort, wo Du zuletzt von 45 km/h auf 7 km/h Bewegungsgeschwindigkeit gewechselt bist. Soll ich Dich hinführen?“
„Ok, Google.“

Und wer meint, Unternehmenscomputerei, das sind fette Maschinen im Keller und unser persönlicher Magier die den ganze Tag damit komplizierte Sachen machen und mir den großen Vorteil vor der Konkurrenz verschaffen – der wird demnächst beobachten wie always-on Alditablets, Billigchromebooks, die in 5 Sekunden starten und die große Wolke an ihm vorbeiziehen, während er versucht, aus seinem seltsam überteuerten on-premises Softwareabo für 100 Mitarbeiter und einer passenden Appliance die eh niemals voll ausgenutzt werden wird mit 2 Werkstudenten und einem überarbeiteten Admin irgend etwas produktives zu basteln.

Google passt auf Dich auf.
Google ist Dein Freund.
Alle lieben Google.
Vertraue Google.

The Cloud is here to stay

Die Wolke kommt und sie wird bleiben. Punkt, Aus, Ende. Wer meint, neue EU Datenschutzregelungen werden dem Einhalt gebieten, irrt sich gewaltig. Gerade vereinheitlichte EU Datenschutzregeln schaffen einen soliden und berechenbaren Rahmen, mit dem Google und Co. ein sehr wohl kalkulierbares strategisches Szenario für ihre Cloudmonster vorfinden. Die Megakonzerne freuen sich, dass endlich eine verlässliche, vereinheitlichte und solide Gesetzesgrundlage in Europa sich breitmacht. Große Investitionen stehen an der Startlinie und die IT Landschaft wird demnächst vornehmlich mit dem Einsammeln der Trümmer beschäftigt sein, die der bevorstehende Umbruch hinterlassen wird. Und eine KI darauf zu trainieren, die Datenschutzregeln besser zu beachten als jeder Mensch es jemals könnte, immer und überall, 24 Stunden am Tag und für jeden, ist eine Fingerübung für die Cloud und AI Ingenieure und deren riesige KI Supercomputerfarmen. Und wahrscheinlich an einem Wochenende erledigt. Von irgend einer Rechtsanwalts-KI. Ja, die gibt es auch schon.

Sicherheit? Ja, das machen wir jetzt auch. Und zwar besser als Du oder sonst irgendwer.

Die KI weiß wer am Rechner sitzt. Tiptempo, Wortwahl, Surfverhalten, Bewegungsmuster – all das sagt der Cloud wer grad am Rechner sitzt. Und schickt dem Nutzerkonteninhaber eine Nachricht, wenn es jemand ist, der vorher noch nicht dieses Konto benutzt hat.

– „Dein Laptop bewegt sich gerade über die Autobahn während Du im Cafe sitzt. Ist das richtig so, oder sollen wir die Daten auf dem Gerät für Dich Löschen, das Konto abklemmen und die Polizei anrufen?“ …
– „Ok, Google.“

Two-factor Auth/Auth mit Arbeitsrechner und Smartphone macht Zugriffe sicherer und gleichzeitig bequemer und vielseitiger als je zuvor.

Gleichermaßen ist jede App, die in meinem Userspace läuft, unter Dauerbeobachtung. Von einem Supercomputer! „Programm XMix 3000 will sich Deine Fotos ansehen – willst Du das erlauben?“. Das fragt mich bisher kein klassischer Arbeitsrechner und/oder dessen Betriebssystem.

Die Wolke kommt. Groß und mächtig. Computerlaien wird es immer noch geben, aber das wird nicht mehr ein Problem sein. Jedenfalls nicht mehr das von Menschen.

Prepare for incoming.


*Erinnert sich noch jemand an „The Net is the computer“ von Sun Microsystems? … Heute gibt es noch nicht einmal mehr die Firma, sie ist in ferner Vergangenheit von Oracle aufgekauft worden.